















Ein Reisebericht von Heidi Weber, Schweiz
«Im Sommer 2010 erlebte ich ein eindrückliches Wochenende im Kosovo. Schon lange war es mein Wunsch, das Patenkind Fortesa, das wir mit unserer Sonntagsschule unterstützen, zu besuchen. Nun war es soweit, nur zwei Flugstunden von hier – und wir befanden uns in einer anderen Welt! Um 10.00 Uhr vormittags wurden wir am Flughafen in Prishtina vom Mitarbeiter-Ehepaar der OEM abgeholt, das für die Betreuung der Patenkinder in Prishtina zuständig ist. Beide arbeiten noch beruflich, sie haben 2 Söhne im Teenageralter. Sie nutzten ihre Freizeit, um mir alles zu zeigen. Wir waren gleich bei der Familie von Fortesa eingeladen, die uns freudig willkommen hiess. Seit 6 Uhr morgens wurde im Freien auf dem Feuer gekocht. Bis zur Essenszeit gingen wir in die Wohnstube, welche 6 Familienmitgliedern auch als Schlafzimmer dient. Die Familie lebt in 2 Räumen.
Die Sonntagsschulkinder in der Schweiz hatten meinen Koffer mit Geschenken vollgepackt. So erhielten alle Kinder und Erwachsene eine Bibel in albanischer Sprache, signiert von unseren Sonntagsschulkindern. Sogleich fingen die Kinder an zu lesen. Der älteste Sohn las mir den Psalm 23 vor. Für ihn befanden sich ein paar Jeans im Koffer, die ihm gut passten, darüber freute er sich riesig. Fortesa erhielt ein schön eingepacktes Geschenk, das sie fest an sich presste. Dann fragte sie ihre Mutter, ob sie das Geschenk auspacken darf. Sie freute sich sehr über eine Puppe und die Puppenkleider. Für alle gab es Farbstifte und Zeichenpapier, womit sie gleich ihre Zeichenkünste ausprobierten. Ich hatte auch Schokolade dabei und als noch mehr Kinder in den Raum kamen, konnte ich nur hoffen, dass es für alle reicht. Jedes Kind erhielt eine Tafel Schokolade, die gleich geöffnet und wie ein Stück Brot gegessen wurde! Alle freuten sich, auch der Vater, der nicht lesen kann und keine Arbeit hat. Die Mutter möchte gern arbeiten, doch es gibt auch für sie nirgends eine Arbeitsstelle. Sie schämt sich, dass sie als Familie unterstützt werden müssen.
Inzwischen war das Essen bereit. Es gab Flyi – eine Art Omelette vom Feuer mit Sauerrahm, dazu scharfe und milde Peperoni, Tomaten, ein Glas Joghurt und Sirup, alles extra für uns gekauft. Solche Dinge gibt es sonst nicht jeden Tag. Mir kam in die Gedanken, dass wir in der Schweiz noch an all dem ersticken könnten, was wir uns kaufen können. Die Eltern bedankten sich viele Male für die Unterstützung, die sie erhalten. Am Nachmittag gingen die Kinder zur nahe gelegenen Schule. Die einen Kinder besuchen den Unterricht am Morgen, die anderen am Nachmittag.
Mit dem Ehepaar Selmanaj durfte ich einige andere Familien besuchen, die sie betreuen.
Es tat weh zu sehen, wie diese Familien in kaputten Häusern unten im Keller leben, nur mit Decken auf dem schmutzigen Fussboden schlafen und barfuss gehen, weil sie keine Schuhe haben. Familien mit bis zu 8 Kindern schlafen alle in einem Raum. Das Ehepaar betreut ca. 40 Familien. Violeta Selmanaj erzählte mir, dass sie nachts manchmal weinen muss, weil sie kaum mehr weiss, wie man all dieser Not begegnen soll. Für die Patenkinder erhält sie Geld. Das reicht für die Schule, Kleider etc. Wenn sie noch Extragaben bekommt, kauft sie im Einkaufszentrum Grundnahrungsmittel wie Mehl, Zucker usw. und verteilt sie kiloweise an die Armen. Wir kamen zu einer Familie, wo die Mutter schon auf uns gewartet hatte. Ihr 17-jähriger Sohn wurde am Morgen am Rücken operiert und noch am selben Abend schon wieder nach Hause geschickt! Weil sie kein Geld haben, muss die Mutter selber dafür sorgen, dass alles verheilt und ihr Sohn wieder gesund wird. Ohne Geld gibt es keine professionelle Krankenpflege.
Am nächsten Tag unternahmen wir mit der ganzen Familie Selmanaj einen Tagesausflug, was sie schon lange nicht mehr gemacht hatten. Wir fuhren ca. 2 Stunden nach Prizren, eine Stadt mit einigen Sehenswürdigkeiten, ein bekannter Ausflugsort. Am Sonntagmorgen war noch ein Besuch in einer amerikanischen Gemeinde angesagt. Sie wird von Missionaren geleitet, die im sozialen Bereich helfen und Englischunterricht geben, um mit den Leuten in Kontakt zu kommen. Dann fuhren wir nochmals zu Fortesa, die Mutter wollte gern noch etwas in die Schweiz mitgeben. Sie war wieder um 6 Uhr früh aufgestanden und hatte Feuer gemacht, um für unsere Sonntagsschüler Flyi zu kochen. Da mein Koffer inzwischen leer war, wurde er nun mit warmen Flyi gefüllt, bevor es auf die Reise ging. Alle kamen zum Abschied, bedankten sich nochmals und baten mich, bald wieder zu kommen. Das Flugzeug stand bereit und nach 2 Stunden Flug sah die Welt wieder völlig anders aus. Von diesem erlebnisreichen Wochenende nahm ich viele Eindrücke mit nach Hause.
Mit dem Ehepaar Selmanaj hatte ich viele Gespräche geführt, über die Not der Bevölkerung, die schwierige Situation im Land, wo selbst junge Leute mit Universitätsabschluss keine Arbeit finden. Das Ehepaar benötigt unsere Gebete, um Weisheit und Kraft für ihre Aufgaben, für ihr Land und die Bevölkerung, damit sich etwas zum Positiven verändert. Mir persönlich wurde gezeigt, dass ich mit Menschen, die von dort zu uns gekommen sind, anders umgehen muss. Für sie ist es nicht einfach zu wissen, wie man mit all dem Überfluss, den man hier hat, umgehen soll. Haben wir den Mut, diesen Leuten zu begegnen und ihnen von Dem zu erzählen, der ihnen all das schenkt, was sie benötigen?»