


Anfangs Oktober 2010 fuhr ich per Bahn nach Rumänien. Von Zürich nach Wien gibt es jetzt alle 2 Stunden eine Verbindung, manchmal ohne Umsteigen. So nahm ich den direkten RAIL-JET bis Wien, wobei dieser nach Salzburg oft 200 km/h schnell fährt. Der Bahnhof Wien West ist immer noch im Umbau. Ab Wien fahre ich mit dem Nachtzug, dem Dacia-Express… da sind wir dann schon im Osten! Die OeBB (Österreichische Bahn) setzt für Bukarest zwar einen relativ neuen Liegewagen ein, doch dieser Schnellzug fährt ab ungarischer Grenze als Personenzug bis Budapest, womit die ungarische Bahn einen Personenzug einsparen kann. Dieser geht es finanziell sehr schlecht, da die vormalige sozialistische Regierung die Gütersparte, welche gewinnbringend war, an die österreichische Bahn verkaufte und Regierungsmitglieder auch noch kräftig Korruptionsgelder kassierten. So sitzt der Staat nun auf dem defizitären Rest.
In Rumänien geht es nicht mehr so flott vorwärts. In der Gegend von Sighisoara fährt der Zug oft nur mit 20 km/h, weil hier das Geld für den Unterhalt der Geleise fehlt. Wie erwartet trifft der Zug mit über 1 Stunde Verspätung in Brasov ein. Ich lese in der Zeitung, dass Rumänien nur etwa 5% der möglichen EU-Gelder beansprucht hat, welche es für diverse Projekte zugute hätte, also könnte auch diese Bahnlinie bereits modernisiert sein. Unterwegs ist mir aufgefallen, dass sich praktisch nichts verändert hat, auch Städte wie Medias, Blaj usw. haben Strassen und Häuser, die langsam zerfallen. Hier gilt das gleiche Prinzip, wobei die Regierung eine Gegend, wo Ungaren und Deutsche wohnen, eher noch benachteiligt, da sie Angst hat, diese könnten sich dann als Dank von Rumänien abspalten wollen. Brasov macht sonst einen guten Eindruck, hier wird investiert und gebaut, renoviert usw. Ebenso die kleine Stadt Codlea. Jedes Mal gibt es wieder einige Strassen und Gebäude, die frisch geteert, bzw. renoviert sind. Wenn ein Bürgermeister die Gelder in die Stadt investiert und weiss, wie man zu Geld kommt, sieht alles anders aus. Interessant ist auch, dass einige Stockwerkeigentümer ihren Teil des Gebäudes isolieren, andere jedoch nicht, und so gibt es Häuser, die einen Patch-Work-Eindruck machen.
Neuerdings gibt es auch viele Banken, nebst anderen Geschäften wie Plus, Penny, Metro, Real und wie sie alle heissen. Die Preise sind dort viel tiefer, etwa wie bei uns im Aldi. Viele Leute mit wenig Einkommen kaufen deshalb in diesen Läden ein, Geld ist nach wie vor knapp. Der Mann in der Familie, wo ich wohne, arbeitet bei einem Konsortium von Eigentümern von Mikrobussen, welche den öffentlichen Personentransport in die Stadt in Konkurrenz zur Bahn anbietet. Sie fahren alle 15 Minuten, doch jeweils recht überfüllt. Bei einer Polizeikontrolle wäre eine Busse fällig. Der Familienvater beginnt die Arbeit um 6 Uhr morgens und kommt um 18 Uhr abends nach Hause. Pausen gibt es nur, wenn der Kleinbus an der Endstation hinten anschliesst und wartet, bis er an der Reihe ist. Als Lohn trägt der Familienvater monatlich ca. CHF 200.– nach Hause. Er erklärt mir, dass der Arbeitgeber die Krankenkasse direkt bezahlt, analog SUVA bei uns, diese ihm jedoch nichts nütze. Die Gelder in dieser staatlichen Versicherung versickern irgendwo, oder es gibt zuwenig Leute im Arbeitsprozess und zu viele Kranke und Invalide. Muss jemand von der Familie zum Arzt, will dieser Geld sehen, denn von dieser Krankenversicherung bekomme er momentan nichts. In der Apotheke lese ich ein Schild, welches der Kundschaft mitteilt, dass die Apotheke seit 223 Tagen kein Geld mehr von der Krankenversicherung erhalten habe. Also auch hier müssen wohl die Leute ins eigene Portemonnaie greifen, wenn sie etwas wollen, der Krankenschein genügt nicht. Bei diesem Krankenkassensystem sind übrigens die Kinder gratis mitversichert, also ein weiterer Kostenfaktor, wo auf der Einnahmenseite nichts reinkommt.
Eine Lokalzeitung ist von vorn bis hinten nur dem Thema «Spitäler und Gesundheitssystem» gewidet. Der Staat habe kein Geld, er will alles auf die Regionen und Kommunen abwälzen. Diese schwimmen allerdings auch nicht im Geld. Es gibt Schlagzeilen wie «SOS Gesundheitssystem» oder «Gesundheitssystem = Spott der Regierung Boc-Basescu». Solche Protestplakate sieht man auch bei den Spitälern.
Um Brasov herum, in Richtung Codlea sind die Strassen sehr gut ausgebaut. Kreisel sind «in», wobei diese oft 3-spurig sind und 3- oder mehrspurige Strassen einmünden, ohne eine Möglichkeit zum Einfädeln. Ob das der Verkehrssicherheit dient, bleibt offen.
Am Sonntag fahre ich mit dem Personenzug nach Fãgãras. Zwischen Fãgãras und Sibiu wurde vor mehr als 1 Jahr eine Brücke weggeschwemmt. Bis heute fehlt das Geld für eine Ersatzbrücke, also fährt kein Zug dort durch und die Schnellzüge werden über Sighisoara umgeleitet. Für die Strecke von 51 km benötigt der Zug 75 Minuten. Auch kursieren hier die ältesten Personenwagen, es geht gemächlich vorwärts. In Fãgãras hat sich kaum etwas verändert. Viele Leute arbeiten in Italien oder Spanien und kommen nur in den Sommerferien nach Hause. Mit ihrem Geld bauen sie hier, wenn möglich, ein Haus oder kaufen eine Eigentumswohnung, obwohl es kaum Arbeitsplätze gibt.
Die Strasse nach Felmer und Cobor wird immer schlechter und gleicht zwischen diesen beiden Orten einem unbefestigten Waldweg. Für die 20 km benötigen wir mit dem Auto 40 Minuten. Die Dörfer hier wurden einst von Ungaren und Deutschen bewohnt und nach der Wende verlassen, Kirchen und Häuser sind meist zerfallen. Dass innert 20 Jahren derartige Ruinen entstehen, überrascht mich. Hier gibt es keine Läden, kein Mobiltelefonnetz, nur ein Schulhaus mit der 1. – 3. Klasse, danach müssen die Kinder zum nächsten Ort fahren. Die Familie, welche ich besuche, kümmert sich sehr um ihr Haus, es macht einen guten Eindruck. Trotzdem gibt es kein fliessendes Wasser und keine richtige Toilette. Die Frau musste gerade mit einem der Kinder ins Spital von Fãgãras und blieb gleich dort, dem Kind zuliebe. Das Spital ist in miserablem Zustand, der Putz fällt von den Wänden, die Leintücher sind zerschlissen und nicht sauber, und das Essen kaum geniessbar. Das Personal kümmert sich schlecht um die Patienten, doch der Ehemann muss draussen bleiben, er könnte Mikroben einschleppen…
Am Abend geht es mit dem Zug zurück nach Codlea. Der Zug ist sehr gut belegt, vor allem mit jungen Leuten. Da dies um 17 Uhr der letzte Zug in Richtung Brasov ist, nehme ich an, dass die jungen Leute Studenten sind, die nach dem Weekend zurück an die Uni fahren. In den letzten Tagen war es sehr kalt, es schneite einmal sogar. In der Blockwohnung, wo ich eine Familie besuche, ist es kaum 18 Grad, geheizt wird aus Geldmangel nur am Morgen oder am Abend während einer halben Stunde.
Bald geht es zurück Richtung Ungarn. In Brasov steht ein moderner Intercity mit Speisewagen usw. bereit. Bis zur Grenze hält er nur wenige Male, aber wie auf der Anreise geht es wegen der schlechten Geleise nur langsam voran. In Ungarn wurde die Zweigstrecke nach Rumänien mit EU-Mitteln auf den modernsten Stand gebracht, aber hier mutiert der IC wieder zum Personenzug, um möglichst alle Bahnhöfe von der Grenze bis Szolnok zu bedienen. In Budapest übernachte ich beim Leiterehepaar der OEM Ungarn, ich besichtige das Hilfsgüterlager, wo u.a. gespendete Kleider aus der Schweiz eintreffen, zur Verteilung an Bedürftige in Rumänien, Serbien, Ukraine usw. Ein Lichtblick für all diejenigen, welche statt Fortschritt vor allem Sparmassnahmen ertragen müssen.