
Seit 2008 gehört Rumänien zur EU, die Hoffnung auf Finanzhilfe aus dem Westen spielt nach wie vor eine wichtige Rolle. Es gibt viel zu tun. Über 40% der rumänischen Haushalte sind nicht ans öffentliche Trinkwassernetz angeschlossen. Investitionen sind auch im Eisenbahnnetz dringend, dieses ist völlig veraltet, über 5000 Kilometer Geleise müssten repariert oder erneuert werden. Wegen heftigen Regenfällen ist die Brücke zwischen Brasov und Hermannstadt unterbrochen. Statt 250 Mio. bewilligt der Staat nur 25 Mio. Euro für die Instandstellung des Eisenbahnnetzes. Zugsentgleisungen sind nicht selten, besonders an den über 1000 bekannten, gefährlichen Stellen.
EU-Mitglied zu sein, heisst auch Bedingungen zu akzeptieren, Vorschriften gibt es z.B. in der Landwirtschaft. Fast ein Viertel der rumänischen Arbeitskräfte sind in der Landwirtschaft beschäftigt, aber die Entwicklung steckt in den Kinderschuhen. Kleine und unregelmässig gewachsene Früchte liegen nicht im EU-Trend, die Bauern müssen lernen, biologisches und schönes Obst auf den Markt zu bringen. Unterstützung vom Staat gibt es kaum. Im letzten Sommer kamen etwa 80% der Gemüse- und Obstsorten auf den rumänischen Märkten und Supermärkten aus dem Ausland, die meisten aus Griechenland und aus der Türkei. Die ausländischen Produkte sind zwar billiger, aber oft künstlich im Geschmack. Trotzdem mögen immer mehr Käufer perfekt aussehende und etwas festere Früchte, viele Bauern stellen also ihre Produktion um und pflanzen die alten Sorten nur noch für den Eigengebrauch an.
Rumänien ist ein Land von Wohneigentümern, aber die Leute haben kaum finanzielle Reserven, um ihr Heim in Stand zu stellen. Nach der Wende 1989 brauchte der Staat dringend Geld, deshalb wurden praktisch alle staatlichen Mietwohnungen aus der Ceausescu-Zeit günstig verkauft. Dies ist ein Grund für die hohe Rate an Eigenheimbesitzern, ausserdem gibt es in Rumänien kein Mietgesetz, das mieterfreundlich ist, und drittens sind die Mieten im Verhältnis zum Einkommen übertrieben hoch. Eine eigene Unterkunft bedeutet also Sicherheit, trotz finanzieller Not. Bei Immobilienmaklern zirkuliert der Spruch: «Bei den Rumänen haben die Brennziegel einen höheren Wert als das Geld an sich.» Um die heute leeren Staatskassen zu füllen, sollen u.a. die Steuern auf Immobilienvermögen angehoben werden. Die Mieten und Preise für Neuwohnungen sind im 2009 zwar gesunken, sie sind auf dem Stand von 2005, dafür werden jetzt doch wieder obligatorische Versicherungen gegen Erdbeben, Überschwemmung und Erdrutsch gefordert. 1995 wurde dieses Gesetz aufgehoben. 2008 waren die Katastrophen jedoch sehr zahlreich, mehrere Tausend Wohnobjekte wurden beschädigt und mit der geleisteten Nothilfe wurde das Loch in der Staatskasse noch grösser.
Über 53% der arbeitsfähigen Bevölkerung steht in keinem festen Arbeitsverhältnis. Überall werden Stellen gestrichen, im Bildungswesen z.B. 20'000, bei der Eisenbahn 10'000 usw. Die sehr bescheidene Sozialhilfe (CHF 160.– für 5 Personen, Kindergeld oder andere Einkünfte werden abgezogen) erhält nur, wer seine Arbeitslosigkeit schriftlich beweisen kann und bereit ist, etwa 70 Stunden pro Monat gemeinnützige Arbeit zu leisten. Besonders schwer trifft es ältere Leute, welche kurz vor der Pensionierung die Stelle verloren haben oder gar keine Rente beziehen, ausserdem allein stehende Frauen mit Kindern. Immer mehr Kinder werden in den Unterbringungszentren mit der Begründung abgegeben, dass kein Geld für genug Nahrung vorhanden sei.
Im Gesundheitswesen sind Fachärzte, Assistenzärzte und Allgemeinmediziner sehr gesucht. Geldnot, Misswirtschaft und Skandale schrecken viele Interessierte jedoch ab. Gesundheit und Verdienstmöglichkeiten gehören zu den wichtigsten Anliegen. Der Wunsch nach einem besseren Leben im Ausland ist ungebrochen. Glück haben die Familien, von denen wenigstens 1 Person irgendwo im Westen eine bezahlte Arbeit hat. Der rumänische Durchschnittslohn wird mit umgerechnet CHF 600.– angegeben, aber viele Leute arbeiten schwarz und erhalten kaum den Minimallohn von CHF 135.– pro Monat. Der Kampf ums Überleben prägt viele Leute negativ, Korruption und Bestechung gibt es bei Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Bedauerlich ist, dass das unkorrekte Verhalten von einigen Rumänen im Ausland zur Ablehnung aller Landsleute führt. Die Rumänen sind zwar arm, aber meist warmherzig, gastfreundlich und sehr hilfsbereit. Ihre finanzielle Unterstützung, liebe Gönner, wird mit grosser Dankbarkeit entgegengenommen.